Interview mit Svenja Länder, Co-Autorin von „A Vida Numa Mala“ + resumo em português

[18.11.2017, am Rande des Festivals Tanto Mar der portugiesischsprachigen Welt an der Universität zu Köln]

Frans Hügel_Was war für Dich der maßgebliche Impuls, „A Vida Numa Mala“ zu schreiben? War es das Jubiläum des Gastarbeitervertrages, die Auswanderungswelle während der Finanzkrise in Portugal, oder etwas ganz anderes?

Svenja Länder_Ich glaube, das kam da alles zusammen. Ich habe meine Masterarbeit über portugiesische Migration nach Deutschland in den 60er- und 70er- Jahren geschrieben. Mich hat das traurig gemacht, als ich in Portugal gelebt habe, dass so viele junge Portugiesen weggehen oder emigrieren müssen, dass jede Familie in Portugal davon betroffen ist, das hat mich mitgenommen. Das Thema ist einfach allgegenwärtig. Ich hatte das Bedürfnis, etwas dazu zu machen, weil ich es wichtig fand; dann kam diese Reise und dann kam auch dieses Projekt mit Cristina. Ich finde es auch wichtig zu vermitteln: Migration ist früher passiert, Migration passiert heute, und – egal woher die Leute kommen – es ist eben ein generelles Problem. Das gab’s schon immer, dahinter stecken Menschen und nicht Leute, die man verurteilen sollte, dafür, dass sie irgendwohin gehen. Ich finde den Europa-Aspekt schön. Es ist nun einmal kein wissenschaftliches Buch; es hat mir schon Spaß gemacht, meine Gedanken während der Reise aufzuschreiben.

FH_Wie lange wart ihr denn insgesamt überhaupt unterwegs?

SL_Zwei, drei Tage! (lacht) Früher hat man drei Tage gebraucht, glaube ich. Wir sind abends in Lissabon losgefahren, sind dann über Nacht gefahren. Wir haben noch eine Nacht in Paris verbracht, damit die Reise länger dauert und weil es in Paris ja auch eine große Comunidade gibt; das wollten wir verbinden.

FH_Was habt ihr in dieser einen Nacht von der Comunidade mitgekriegt?

SL_Wir haben uns mit Carlos Pereira, der die lokale Zeitung LusoJornal herausgibt, getroffen. Er hat uns interviewt und einen Artikel darüber gemacht und auch einen kleinen Fernsehbericht – um eben auch die Portugiesen in Frankreich daran teilhaben zu lassen, was gerade in Deutschland passiert.

FH_Zurück in die 60er-Jahre: Welches Bild von Deutschland wurde den Gastarbeitern in Portugal vermittelt?

SL_Man muss wahrscheinlich zwischen einem öffentlichen und einem nicht-öffentlichen, einem offiziellen und inoffiziellen Bild unterscheiden. Offiziell wollte man durch die Auswahl des einmillionsten Mannes (Ankunft von Armando Rodrigues de Sá) wohl ein positiveres Bild von Deutschland im öffentlichen Diskurs bestimmen. In den Familien: Ich habe mit ein paar Migranten gesprochen – die wollten alle eher nach Frankreich, weil sie sich Frankreich kulturell viel näher gefühlt haben, und sie Deutschland mit Kälte, Nazis, komischer Sprache und komischem Essen verbanden.

FH_Wie erklärst Du dir die Bereitschaft so vieler Portugiesen, in Krisenzeiten wie der Diktatur der 60er-Jahre und auch in der Finanzkrise der 2000-er auszuwandern? Lässt sich die These halten, dass die Portugiesen historisch immer schon ein Auswanderervolk waren und dass es ihnen daher auch heutzutage leichter fällt als anderen Nationen, auszuwandern?

SL_Das wird so ein bisschen romantisiert und vielleicht hängt da ein bisschen was dran, mit der Entdeckerkultur… In den 60er-Jahren hatte das rein wirtschaftliche Gründe, weil es ein sehr ländliches, armes Land war, wegen der Diktatur – da gab’s kaum Industrialisierung. Man durfte nicht öffentlich Händchen halten, du durftest keine kurzen Röcke anziehen, man durfte nur bestimmte Zeitungen lesen, du durftest nicht öffentlich demonstrieren. Die jungen Menschen mussten in den Kolonialkrieg, es gab eine Geheimpolizei… Also: Unterdrückung während der Diktatur, Armut und Flucht vor dem Krieg: Das waren die Push-Faktoren. Portugal selber hatte natürlich auch ein Interesse daran, die Devisen zu kriegen, also das Geld, was nach Hause geschickt wurde.

Die Situation heute ist übrigens auch schrecklich. Früher war es „fuga de mãos“ [Flucht der Hände], jetzt ist es „fuga dos cerebros“ [Flucht der Gehirne, Anm. d. Red]. Und das ist die Generation, in die während der 90er- und der Nullerjahre unter anderem im Bildungsbereich ganz viel Geld investiert wurde.

FH_Bleibt zu hoffen, dass sie irgendwann sagen, „wir gehen jetzt wieder zurück“…

SL_Aber das ist eben auch ein Unterschied zu den 60er-Jahren: Damals haben sie gesagt, wir verdienen jetzt ganz viel Geld, und dann kommen wir zurück und bauen uns ein schönes Haus. Und die heute, die sind so international unterwegs, die haben teilweise keine Lust, wieder zurückzugehen. Da gibt’s nicht mehr diesen Traum, „ich bau mir dann in meinem Dorf ein Haus“. Und was wirklich tragisch ist: Es fehlt ja auch Nachwuchs, und die Portugiesen, die in Portugal bleiben, die verdienen so wenig Geld in der Krise, dass sie keine Kinder kriegen wollen. Das ist populationsmäßig alles nicht so clever.

FH_Du hast erwähnt, dass Armando Rodrigues de Sá kein Deutsch gesprochen hat. Wenn’s im Arbeitsalltag auch heutzutage noch nicht ohne Deutsch geht, wie war es damals möglich?

SL_Für die bestimmten Ländergruppen der „Gastarbeiter“ waren entweder die Kirchen zuständig oder die Caritas. Für die Portugiesen war die katholische Mission zuständig. Die haben die Portugiesen dann betreut, Feste gemacht, vielleicht gab’s da dann auch Deutschunterricht. Die haben eine Zeitung herausgegeben, Diálogo do Emigrante, aber es war alles aus Kirchensicht – also der deutsche Staat hat das schön abgegeben an Caritas oder die Kirchen. Teilweise haben sich die Migranten auch selbst organisiert. Ich habe meine Masterarbeit über eine portugiesische Gruppe geschrieben, das waren Studenten, die mit einem Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Deutschland gekommen sind, weil sie in Portugal in der politischen Opposition waren und in den Kolonialkrieg geschickt worden wären – und die haben selbstorganisiert Deutschunterricht angeboten für „Gastarbeiter“ in Stuttgart. Die haben eine eigene Zeitung herausgegeben, um auch mal einen anderen Blick als den katholischen auf das Ganze zu geben. Die haben denen erklärt, wie man eine Steuererklärung ausfüllt, was für Rechte man in der BRD hat…

FH_Scheinen sich also ganz gut selbst organisiert zu haben…

SL_Ja, man muss Migration aber auch aus dem Opfernarrativ herausholen. Nicht nur beleuchten, dass sie kein Deutsch lernten, und danach wieder abreisen sollten – das war für die Betroffenen auch in Ordnung – sondern auch, dass sie selbst aktiv geworden sind. […] Wobei die meisten kein Deutsch gelernt haben, da es keine integrativen Ansätze und Organisationen von staatlicher Seite gab und man sich also hauptsächlich in seiner Community aufhielt.

 

FH_Welche kulturellen Spuren haben die Portugiesen in Deutschland hinterlassen?

SL_Die Portugiesen werden ja so schön in einem Deutschlandfunkbeitrag von Marco Bertolaso als „die stillen Nachbarn“ bezeichnet. Den Portugiesen wird nachgesagt, dass sie sich ganz gut integrieren und nicht offensiv ihre Herkunft ausleben. In Hamburg gibt’s das Portugiesenviertel, […] zwei Straßen, in denen es nur portugiesische Restaurants gibt. Ich glaube, das ist dann auch lokal ganz stark verankert, wie zum Beispiel in Cuxhaven. Dort sind portugiesische Cafés viel präsenter im Stadtleben, sodass von der Bevölkerung mit einer ganz anderen Selbstverständlichkeit damit umgegangen wird. So wie in Berlin-Kreuzberg, wo das türkische Leben viel präsenter im Alltag des Bezirks ist und einfach dazugehört. Es ist auch interessant, wie solche schon bestehenden Communities bei jungen Migranten oder bei Geflüchteten ankommen. Ich habe die jungen Portugiesen gefragt: Geht ihr denn hier in die Vereine von den „alten“ Portugiesen? „Nee, das interessiert uns überhaupt nicht, wir wollen doch nicht portugiesische Tänze tanzen“. In Berlin gibt es einen Kulturverein, Berlinda, die machen einen ganz neuen Ansatz – die beziehen auch die Brasilianer und alle lusophonen Länder mit hinein, was ja viel integrativer ist.

FH_Bist du öfter auf Veranstaltungen, die den ganzen lusophonen Raum betrachten, oder waren die Lesungen bisher immer isoliert?

SL_Wir waren einmal in Aachen, bei Herrn Siepmann, bei einem Kolloquium, wo es um Migration im lusophonen Raum ging. Sonst waren wir in portugiesischen Botschaften in Berlin und Paris, im Goethe-Institut in Lissabon, in Kulturzentren, bei einem Theaterfestival in Bremerhaven oder auch im ältesten portugiesischen Buchladen Deutschlands in Frankfurt am Main, bei TFM. Teo Mesquita hat den gegründet. Das hier ist eigentlich unsere dritte universitäre Veranstaltung.

 

Resumo da entrevista em português

O festival “Tanto Mar” dos países de língua portuguesa teve lugar na Universidade de Colônia no dia 11 de novembro de 2017. Nesta ocasião, a pesquisadora e autora Svenja Länder apresentou o seu novo livro, “A Vida Numa Mala” que é dedicado à viagem e à vida de milhares de portugueses que emigraram do seu país à procura de trabalho, sobretudo nos anos 60.

Numa entrevista a Svenja Länder para este blog, ela lamenta a dimensão desse movimento, tanto daquela época como hoje. Nos anos 60, a “fuga de mãos” – gerada pela falta de emprego e a pobreza em Portugal, o risco de ser mandado à Guerra Colonial na África e a opressão na ditadura de Salazar – tinham debilitado Portugal ainda mais. Hoje em dia, Länder compara, tratava-se de uma “fuga de cérebros” – a geração em cuja educação tinha sido investido muito dinheiro recentemente ia embora, novamente por falta de emprego. Outra diferença crucial entre 50 anos atrás e hoje, segundo Länder, consistia no fato que muitos emigrantes da Geração Y nem pretendiam retornar a Portugal depois de um tempo. Durante um ano que a autora morou em Portugal, ela observou esse fenômeno em primeira mão e tinha ficado “triste que cada família é afetada”, ela lembra.

Apesar do fato que esse tornou-se o tema da sua tese de mestrado, Svenja Länder adianta que “A Vida Numa Mala” não era um livro cientifico. Em vez disso, ela e sua co-autora Cristina Dangerfield-Vogt recorreram o trajeto de trem no qual viajaram quase todos os imigrantes portugueses que viajaram para a França e para Alemanha. Na época, essa viagem durava três dias, explica Länder, enquanto elas a fizeram em dois. No meio passaram uma noite em Paris a fim de se encontrarem com representantes da grande comunidade portuguesa da cidade, o que resultou numa reportagem no jornal e na televisão da diáspora local.

A questão da integração dos portugueses foi outro foco da conversa com Svenja Länder. Ela elucida que essa tarefa – enquanto o governo alemão se manteve relativamente afastado dela – tinha sido enfrentada sobretudo por agentes não governamentais, tais como a Caritas e a Igreja Católica, organizando eventos, cursos etc. para os recém-chegados. Além da maioria, tinha havido casos como o dos estudantes que fizeram parte da oposição política portuguesa e que chegaram à Alemanha com uma bolsa da fundação Friedrich Ebert. Tanto na época dos “Gastarbeiter” como hoje, Länder – referindo-se a um artigo no Deutschlandfunk – caracteriza a minoria portuguesa na Alemanha como os “vizinhos silenciosos”.

 

A_Vida_Numa_Mala.png
A Vida Numa Mala, von Cristina Dangerfield-Vogt und Svenja Länder
ISBN: 978-3946277026 / Taschenbuch auf Portugiesisch, 156 Seiten
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